Lucie Weigel berichtet aus Maple Ridge (Kanada)

Ich hatte schon den ganzen Morgen durchgeheult, als ich im riesigen Lufthansa Flugzeug von Frankfurt nach Vancouver sass. Mir ging durch den Kopf, dass ich Deutschland, meine Familie, meine Freunde, mein Haus und alles was mir noch so wichtig war, jetzt für 10 Monate nicht sehen würde. Obwohl ich doch so aufgeregt war, mich so gefreut hatte und das Vorbereitungstreffen so genossen hatte, war mir plötzlich verdammt übel. Nach all den Abschiedsfeiern und Viel-Glück-Wünschen wurde es nun ernst und mein langer Traum die elfte Klasse in Kanada zu verbringen und den Canadian Way of Life zu leben sollte nun Wirklichkeit werden.
Nach neun Flugstunden sind wir in Vancouver endlich gelandet und alle Austauschschüler wurden mit einem Schulbus in unsere neue Heimat nach Maple Ridge gefahren. Von der ersten Sekunde an, hat mich meine Familie (ich hatte einen älteren Bruder, eine ältere und eine jüngere Schwester) mit weiten Armen aufgenommen und mich sofort als einen Teil der Familie angesehen. Meine host mom hat mich immer als ihre „German daughter“ vorgestellt und auch mit meinen Geschwistern hab ich gelacht und mich angenervt wie mit „echten“ Geschwistern auch. Auch meine Grandma, Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins haben mich alle ohne weiteres aufgenommen und es geschafft, dass ich mich schnell zuhause gefühlt habe, obwohl ich etwa die ersten drei Wochen teilweise echt starkes Heimweh hatte. Nach ungefähr zwei-drei Monaten hatte ich mich komplett eingelebt und musste daran erinnert werden, dass ich ja auch noch Freunde und Familie in Deutschland hatte, die sich ab und zu wahrscheinlich mal über einen Anruf oder eine email freuen würden! Auch in der anfangs unübersichtlichen High School (1700 Schüler und riesengross, ich hatte also viele Gelegenheiten mich zu verlaufen) hab ich mich relativ schnell eingelebt, was mir vor allem der unkomplizierte lifestyle und die grosse Hilfsbereitschaft der meisten Kanadier ermöglicht haben.
Im Herbst hatten wir dann Thanks Giving und Halloween, was nur noch durch unser fenomenales Christmas getoppt werden konnte. Weihnachten war ein riesiges Familienfest, wo wir alle zusammen waren, Spass hatten, gefeiert und unglaublich viel gegessen haben, und unsere Milliarden Geschenke in mehreren Ladungen aus dem mit Geschenkpapier überfülltem Wohnzimmer geschleppt haben.
Von dem kanadischen Winter hört mein ja gerne Horrorgeschichten und mein Papa hatte mich auch immer schon gewarnt, dass ich in Kanada jeden Tag Schnee schippen und Eisbären aus dem Garten verjagen müsse, was natürlich bei uns an der Süd-Westküste nicht mal annähernd zutrifft. Wir hatten nur auf den Bergen viel Schnee und selten unter null grad. Ich hatte oft die Gelegenheit auf unseren „local mountains“ mit Freunden skifahren zu gehen und war auch drei mal auf skiing trips im nördlicheren British Columbia, was natürlich sehr viel Spass gemacht hat und ich dadurch mehr von Kanada sehen konnte.
Im Frühling, als es endlich nicht mehr so viel geregnet hat, hatten wir viele barbecues bei mir at home, waren an schönen Seen ganz in der Nähe und konnten Lagerfeuer am Fluss machen.
Im Juni gab es noch mal ein riesiges und aufregendes event: die Grad, Abschlussfeier der 12. Klassen. Mit den schönsten Prinzessinenkleidern, tollem make-up und den aufwendigsten Frisuren (für die Jungs gilt das natürlich nicht, aber die haben sich auch Mühe gegeben gut auszusehen) sind wir zum Ball gegangen, hatten dinner und haben die ganze Nacht getanzt (keine Sorge, es fällt keinem auf wenn man nicht tanzen kann!!).
Aber: „Time flies when you are having fun“ und somit ist mein Jahr in Kanada auch viel zu schnell vorbei gegangen. Der Abschied von meiner Gastfamilie, meinem Freund und meinen Freunden war schlichtweg grausam und das ist noch untertrieben! Obwohl ich so traurig war, dass ich Kanada verlassen musste, war und bin ich auch unglaublich froh und dankbar, dass mir meine Eltern diesen „Canadian dream“ ermöglicht haben und ich Freunde auf der ganzen Welt gefunden habe, eine zweite Familie auf einem anderen Kontinent, mein Englisch sehr verbessert habe und so viel über mich und unterschiedliche Kulturen gelernt habe. Keine meiner Erfahrungen, ob gute oder schlechte, würde ich für irgendetwas in der Welt eintauschen wollen, sie alle haben mir geholfen mich weiterzuentwickeln, selbstbewusster zu werden und Sachen aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.

Lucie Weigel, Kanada
 

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